Bergung unterwegs

Wir sind zwar nicht die mutigsten Offroader unter der Sonne, aber über eine wesentliche Frage sollte sich jeder Fernreisende trotzdem Gedanken machen, bevor es auf große Tour geht: wie befreie ich mein Fahrzeug, wenn ich mich festgefahren habe? Wieder einmal stellt sich die Frage umso mehr, wenn man mit einem LKW unterwegs ist, denn die Chance ist minimal, dass jemand passendes Bergematerial dabei hat, wenn man selbst schon keines mitführt. Wie schwierig es werden kann, einen festgefahrenen LKW wieder zu bergen, hat diese Familie in Südamerika leidvoll erlebt …

Auf Platz eins der Einkaufsliste steht dann auch folgerichtig ein Bergegurt. Wir haben uns für ein Produkt für rund 100€ von Hebezone entschieden, ein spezielles (und vielfach teureres) Offroadprodukt braucht es da unserer Meinung nach nicht; der Markt für LKW-Zubehör gibt genug her. Die Länge soll 8m betragen, damit der Gurt auch als Abschleppseil Verwendung finden kann, aber welche Bruchlast wird benötigt? Und was ist Bruchlast überhaupt?

Beim Überschreiten der Bruchlast reißt der Bergegurt. Sicheres Arbeiten ist daher nur bis zu einem viel geringeren Wert möglich, der als maximale Arbeitslast oder „working load limit“, kurz WLL, bezeichnet wird. Grob überschlagen bringt ein Fahrzeug im besten Fall ungefähr die gleiche Zuglast auf, die sein Eigengewicht beträgt. Das entspricht auch ungefähr der Kraft, die man benötigt, um ein bis zu den Achsen im Schlamm steckendes Fahrzeug frei zu bekommen. Wir sind also von einer Zugkraft (entsprechend dem WLL) von rund 8t ausgegangen. Der gesetzliche Sicherheitsfaktor für Gurte, die zum Heben verwendet werden dürfen, beträgt 7; viele Hersteller von Abschleppgurten rechnen mit Sicherheiten von 2-3. Wir haben uns auf eine 4-fache Sicherheit festgelegt und kamen dann auf einen Gurt mit rund 35t Bruchlast. Das sollte halten.

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Gewöhnliche, so genannte statische Bergegurte haben nur eine geringe Dehnung von ca. 10%; um das Material zu schonen, sollte man nicht zu ruckartig anfahren. Seit vielen Jahren sind aber sogenannte kinetische Gurte im Einsatz. Bei diesen Gurten fährt man bewusst mit etwas Geschwindigkeit „in den Gurt“, der sich um bis zu 30% dehnt und diese Energie in Form eines sanften Rucks an das zu bergende Fahrzeug weitergibt. Damit lassen sich dann auch schwerere mit leichteren Fahrzeugen bergen sowie schwierige Bergungen bewältigen, zum Beispiel aus Schlamm. Eine schöne Sache, wenn nur der Preis nicht wäre – ein kinetischer Gurt mit gleicher Bruchlast kostet zum Beispiel von Bubbarope über 500€, das fünffache eines konventionellen Gurts – kommt auf den Wunschzettel für die Weltreise, eines Tages …

Jetzt muss der Gurt noch ans Fahrzeug, und mindestens an einer Stelle ist dafür meist ein Schäkel als Verbindungselement notwendig. Auch hier ist wieder die Bruchlast zu berücksichtigen – und noch etwas: bricht ein Schäkel oder reißt ein Seil, entstehen schnell tödliche Geschosse, zumal bei Verwendung von kinetischen Gurten. Daher empfiehlt sich der Einsatz von so genannten Softschäkeln. Das sind Seilschlaufen, die sich auf- und zuschieben lassen und bei gleicher Bruchlast wie Stahlschäkel nur einen Bruchteil des Gewichts aufbringen. Mit einem statischen Gurt und einem Schäkel sind wir also erst mal für das Nötigste gerüstet – und 250€ ärmer.

Drei Dinge fehlen noch auf der Liste – idealerweise fährt man sich erst gar nicht fest, und dabei können zum einen Sandbleche gute Dienste leisten. Wir haben über Bocklet vier Bleche von GMB bestellt, die unser Mzungu auch schon mal anprobieren durfte. Die Halterung am Heck passt genau und nimmt die Bleche auch auf, wenn sie nach einem Einsatz mal etwas verzogen sein sollten.

Bleche anprobieren

Eine weitere große Hilfe sind Schneeketten. Unsere Reifen haben zwar ein M&S Symbol, aber keine Schneeflocke; und bei tiefem Schnee oder auch tiefem Schlamm sind Ketten immer noch die beste Unterstützung für ein sicheres Weiterkommen. Aufgrund guter Erfahrungen organisiert gerade ein anderer Steyr-Fahrer aus München eine Sammelbestellung bei SDL in der Türkei, für mittlerweile über 10 Steyrs … wir freuen uns.

Sandbleche und Schneeketten helfen auch, um ein festgefahrenes Fahrzeug wieder zu befreien – vorausgesetzt, man bekommt sie unter oder an die Räder. Hier kann ein weiteres Gadget sehr hilfreich sein; sogenannte Hebekissen, wie sie bspw. Feuerwehren in Rettungseinsätzen verwenden. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie auch auf losem Untergrund und bei wenig Raum zwischen Fahrzeug und Untergrund eingesetzt werden können, wo ein normaler Wagenheber nicht mehr weiterhilft. Wie sowas aussehen kann, lässt sich hier betrachten; leider sind die Kissen aber sehr schwer und sehr teuer, und nachdem eine ähnlich risikoreiche Tour bei uns aber vorerst nicht ansteht, sind auch die Hebekissen erst mal nur ein weiterer Posten auf dem Wunschzettel.

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