Kurztrip ins Schwabenland

Es ist der 23. Mai, die COVID-19 Inzidenzwerte sinken seit einigen Wochen und es haben mehr als 40% der Deutschen eine Erst- und über 15% eine Zweitimpfung erhalten. Wir holen Mzungu aus dem Winterquartier und machen ihn fit für den ersten Kurztrip “nach Corona”. Es geht für eine Nacht in die Nähe von Stuttgart – Freunde treffen und die Natur zwischen Leonberg und Sindelfingen genießen – alles Corona-konform.

Das Wetter kann sich nicht entscheiden zwischen Sonne, Sturzregen und Hagel; nicht ganz das, was wir uns unter dem Wonnemonat Mai vorstellen. Mzungu lässt sich davon aber nicht beeindrucken. Er brummt gemütlich vor sich hin und bringt uns, in der ihm eigenen Ruhe, ans Ziel.

Unser Treffpunkt ist ein Wanderparkplatz nahe der Autobahn außerhalb der vielen Umweltzonen rund um Stuttgart. Ulrike, Wolfgang und Sunny erwarten uns schon. Nach einer ausführlichen Besichtigung des kleinen Südamerikaners Sunny machen wir einen langen Spaziergang auf dem Höhenkamm im Nord-Osten von Warmbronn. Endlich scheint die Sonne mal 2 1/2 Stunden ohne Unterbrechung. Es ist toll endlich wieder unterwegs zu sein und etwas zu unternehmen. Wir genießen die relaxte Stimmung.

Das üppige Abendessen haben sich unsere hungrigen Mägen nach dem langen Marsch redlich verdient. Es gibt Brot, Wein, Oliven, Salat und Käse. Gekrönt wird der erste Abend mit Gästen in Mzungu von Ulrikes Apfelkuchen. Auch wenn in unserem Reisemobil alles auf 2 Personen optimiert ist, sitzt und isst man drinnen auch zu viert super gemütlich. Wir quatschen bis nach Mitternacht, tauschen unsere Reiseerlebnisse aus und diskutieren Grundrisse, Materialien sowie technische Lösungen unserer (werdenden) Fahrzeuge. Die Nacht verbringen wir mitten in der Stille der Natur.

Mitten in der Nacht wollte eine Gruppe Gartenzwerge uns überwältigen. Wir sind froh, dass wir einen Beschützer vor der Türe hatten und von alldem nichts mitbekommen haben, sondern bei 11 Grad Außentemperatur im warmen Aufbau in unserem kuscheligen Bett wie die Murmeltiere geschlafen haben. Nach dem Aufstehen gibt es daher ausgeruht und tiefenentspannt im Schlafanzug den ersten Kaffee – bei Ina sogar mit aufgeschäumter Milch – gefolgt von einem gemütlichen Frühstück. Das alles ist ein Luxus, den wir noch immer kaum fassen können.

Danach geht es bei bedecktem Himmel nochmal in den Wald, denn in der Nähe gibt es die eigentlich für Nordamerika berühmten Riesenmammutbäume. Auch wenn die Verwandten hier nicht so alt und mächtig sind wie der berühmte General Sherman Tree mit seinen fast 85 Metern Höhe und einem Durchmesser von über 8 Metern, sind die deutschen Riesen dennoch sehr beeindruckend. 106 dokumentierte Standorte gehen zurück auf eine “etwas” zu umfangreiche Samenbestellung der Wilhelma im Auftrag von König Wilhelm I aus dem Jahre 1864. Die Seite www.mammutbaum-projekt.de, auf der es viele Informationen zu den Bäumen gibt, scheint seit 2012 leider verweist zu sein.


Viel zu schnell vergeht die Zeit und wir müssen wieder nach Hause aufbrechen. Den netten kleinen Ausflug ins Schwabenland mit Mzungu haben wir dennoch genossen und wir gehen gestärkt und erholt in die nächste Woche.

Und, wie war’s?

„Na, wie war der Urlaub?“ – „Habt Ihr Euch gut erholt?“ – Diese Frage, von Freunden und Kollegen nach dem Sommer vielfach höflich und wohlwollend gestellt, hat für uns und die, die uns näher stehen, in diesem Jahr eine besondere Bedeutung – ging es doch um die erste Testfahrt und erste Erlebnisse mit unserem neuen LKW auf einer Tour nach Sardinien.

Das Campen

Kurz gesagt: alles anders! Einerseits sind wir sehr viel unabhängiger als bisher mit dem Defender. Strom- und Wasserversorgung, Reichweite von Diesel und Lebensmitteln und nicht zuletzt der Platz im Fahrzeug sind um ein Vielfaches größer, und für einen offiziellen Campingplatz gibt es schlichtweg kaum noch einen Grund. Entsprechend selbstverständlicher haben wir „wild“ gecampt – und hatten dabei (und das ist andererseits ebenso ungewohnt) so viel mehr Komfort zur Verfügung als bisher. Gespräche mit Inhalten wie „haben wir noch ein MAGNUM im Tiefkühlfach?“, „ich habe das Après-Sun wieder in den Spiegelschrank im Bad gelegt“, „gehst Du vor oder nach dem Abendessen noch duschen?“ oder „die Klimaanlage läuft nochmal für eine Stunde, es ist so warm hier drin…“ fanden in der Vergangenheit schlicht so nicht statt …

Wagt man sich doch auf einen Campingplatz – und das haben wir auch versucht, um uns ein paar Tage faul ausbreiten zu können und Strand wie Restaurant gleich vor der eigenen Türe zu haben – ist auch dort alles anders. Auf dem Campingplatz anzukommen und in Schrittgeschwindigkeit mit satt blubberndem Motor langsam an großen und kleinen, aber immer weißen Wohnmobilen vorbei zu seinem Platz zu rollen, während hinter einem langsam die Blätter von den zu niedrigen Bäumen zu Boden rieseln und die Reifenspuren gefühlt erst nach dem nächsten Starkregen wieder verschwinden, fühlt sich ungefähr so an, als würde man als Elefant im Zoo gleich neben den Flamingos neu einziehen. Die Blicke der anderen Camper begleiten einen ebenso irritiert wie ungläubig – aber; kommt man ins Gespräch, sind die Rückmeldungen immer positiv, und mehr als einmal haben wir gehört, ein solches Fahrzeug sei immer schon auch der eigene Traum gewesen.

Und überhaupt, der Auftritt …

Dass man mit seinem Fahrzeug immer und überall auffällt, wird einem beispielhaft bewusst, wenn sich plötzlich acht Ragazzi aus drei Generationen samt Espressi und Bistrostühlen am Straßenrand zu einem umdrehen, sobald man vorbeifährt. Oder wenn der Fünfjährige am Ärmel seines Vaters zerrt und auf Mzungu zeigt wie auf den T-Rex im Vergnügungspark – nur mit dem Unterschied, dass der Vater auch nicht so recht erklären hat, was er hier vor sich hat. Oder wenn die junge Dame auf der Sandpiste zurück vom Strand hektisch die Warnblinkanlage einschaltet und ihr Heil beinahe in der nächsten Hecke sucht, nachdem sie uns plötzlich hinter der nächsten Kurve erblickt. Und auf dem Parkplatz am Strand angekommen fährt niemand, wirklich niemand schneller als im Schritttempo vorbei, jeder schaut herüber und von Mzungu werden gefühlt mehr Fotos gemacht als vom Aperol Spritz im Sonnenuntergang. Aus dem LKW herauszuschauen und dieses Schauspiel zu beobachten, ist mindestens so unterhaltsam wie umgekehrt.

Aber auch hier; trotz des extrovertierten Auftritts und den Einschränkungen für andere, mit denen unsere Anwesenheit mitunter verbunden war, sind uns ausnahmslos positive Rückmeldungen begegnet. Mehrfach am Tag haben wir einen Daumen nach oben gezeigt bekommen, der LKW wurde fotografiert, wahlweise mit oder ohne begeisterten italienischen Papa, und von zustimmendem Schulterklopfen ließen sich die Bewunderer wohl nur durch Corona abhalten. Es scheint, als würde das Fahrzeug – zumindest bei reisebegeisterten Zeitgenossen – oft den gleichen Nerv treffen wie bei uns.

Das Fahren

Fährt man durch die Ortschaften Sardiniens, fühlt man sich nicht nur ob der maroden Bausubstanz in die achtziger Jahre zurück versetzt. Auch der einheimische Fuhrpark scheint aus dieser Zeit zu stammen und ist meist nicht nur alt und ungepflegt, sondern vor allem eins – kompakt. Wenn die meisten Fahrzeuge im Ort originale Fiat Panda 4x4s sind, die sich mit Mzungu über ihre Jugendsünden unterhalten könnten, und wenn selbst der Ortsvorsteher mit seinem Dacia Duster nicht nur das größte, sondern auch das teuerste Auto im Ort fährt, dann fühlt man sich mit einem 3,7m hohen und 7,3m langen Wohnmobil doch relativ schnell deplatziert und fragt sich, welchem Irrsinn man hier eigentlich erlegen ist.

Wie zu erwarten, blieben uns auch die Erfahrungen nicht erspart, vor denen uns in Deutschland schon graute. Es galt, auf einer einspurigen Straße 500m zurück zu setzen, weil es am Ende doch kein Durchkommen gab – und das zwischen reichlich Fußgängern und anderen Fahrzeugen. Wir sind in Schrittgeschwindigkeit durch Büsche gefahren, die zugleich rechts, links und oben am Fahrzeug vorbeikratzten, weil der Weg nun mal im Sommer zugewachsen war. Wir haben auf einem Platz von nicht mal 8x10m gewendet – der obendrein abschüssig war und am einen Ende nach einem schmalen Geländer in einen senkrechten Abhang überging.

Und selbst die eigentliche Fahrtstrecke hatte es in sich; mitunter sind die Straßen so schmal, dass gleichzeitig der Randstreifen und die Mittellinie unter dem Auto verschwinden, während man damit beschäftigt ist, dem Gegenverkehr, Leitplanken und in die Fahrbahn ragenden Felsen auszuweichen. Über zwei, drei Stunden hinweg auf kurvigen Bergstraßen zu fahren, ist enorm anstrengend und wird es wohl immer bleiben. Keine dieser Erfahrungen hatten wir uns gewünscht – aber sie gehören zu einer solchen Tour und zu einem solchen Fahrzeug wohl nun einmal dazu.

Aber auch alles das hat funktioniert – mit erhöhtem Puls, aber ohne Schäden und ohne Verluste. Nicht ein einziges Mal wurden wir angehupt, immer hatten alle Wartenden mehr Geduld und mehr Ruhe als wir selbst, und letzten Endes war keine der Situationen ein wirkliches Problem.

Und Mzungu?

Unser Mzungu gab sich von unserer Hysterie über die erste gemeinsame Tour weitgehend unbeeindruckt. Weder 36 Grad Außentemperatur, noch Steigungen oder Geländepassagen brachten ihn aus der Ruhe. Es war immer der richtige Gang zur Hand, keine Kehre war zu eng; der Verbrauch war altersgemäß und die Leistung mehr als ausreichend. Mzungu war sich weder zu schade, in einer langgezogenen Steigung mit 83 km/h einen Wohnwagen hinter einem überforderten Fiat Multipla zu überholen, noch mit uns in aller Ruhe mit 3 km/h eine steinige Bergpiste hinaufzuklettern. Eine Gelassenheit, die man wohl nur mitbringt, wenn man selbst schon so viel Reiseerfahrung hat und viel herumgekommen ist.

Fahrzeug und Kabine harmonierten dabei sehr gut; die Gewichtsverteilung ist ausgeglichen, die Kabine ist relativ leicht, schaukelt sich im Gelände dank Federlagerung nicht auf und schiebt bergab nicht nach. Die Federung arbeitet vorn sehr aktiv, aber nicht zu weich; hinten ist die Abstimmung so souverän, dass man Gräben und Schrägen im Fahrerhaus kaum bemerkt. Das ganze Fahrzeug ist dabei sehr kurz und fährt sich auch so, der Wendekreis ist extrem gering und gerade die unteren Gänge sind so fein abgestuft, dass im Gelände die Grenzen weit gesteckt sind – so viel hat die erste Testfahrt schon gezeigt…

Was er nicht mag? Der Rückwärtsgang lässt sich mitunter nur nach gutem Zureden einlegen, und man sollte Mzungu daher immer mit ein paar Zentimetern Platz zum Rangieren nach vorn abstellen. Spurrillen und Senken läuft er etwas zu unreflektiert hinterher, und Fahren in zu niedriger Drehzahl quittiert er mit Leistungsverweigerung und einer schwarzen Wolke unverbrannten Kraftstoffs. Aber wer sich bewusst für eine langjährige Beziehung mit einem solch eigenen Charakter entscheidet, der darf sich auch nicht wundern, wenn dieser ein paar Eigenheiten mitbringt.

Und überhaupt; wir haben uns oft dabei ertappt, auf der Suche nach blinkenden Warnlampen sorgenvoll auf seine Anzeigen zu blicken, nur um festzustellen, dass alle Zeiger in der Mitte der Skalen sind und keine der Lampe blinkt. Gleichsam so, als ob er sagen wollte, „bei mir ist alles im grünen Bereich, ich mache hier nur meinen Job …“. Möge uns diese entspannte Beziehung lange erhalten bleiben.

Das Fazit

Ja, und wie war es denn nun? Was würden wir anders machen, welche Fehler haben wir bei Planung und Realisierung gemacht? Und wie reist es sich im LKW? Soweit wir das heute sagen können: Alles hätte nicht besser laufen können, und wir würden alles wieder genauso entscheiden. Natürlich gibt es eine Aufgabenliste von kleinen Änderungen und Verbesserungen, aber es ist nichts Grundsätzliches dabei.

Eine reine Entspannung war dieser Urlaub zwar nicht. Zu neu war das Fahrzeug, zu vielseitig und mitunter auch zu anstrengend die Erlebnisse und zu aufreibend die Situationen, die zu bewältigen waren. Gerade am Anfang der Tour haben wir teils mehrmals täglich unsere Komfortzone verlassen müssen und uns in Situationen befunden, die wir uns vorher lieber nicht vorgestellt hätten. Wir sind in dieser Zeit aber mit dem Fahrzeug zusammen gewachsen, haben uns besser kennen gelernt und auch ein Gefühl für die eigenen und für die gemeinsamen Grenzen entwickelt.

Zudem – und das wiegt schwerer: es gab diese Momente, in denen die Straße endlos hätte weitergehen können, wo Zeit keine Rolle mehr spielte und alles in perfekter Balance schien. Und für diese Momente wurde aus dem Urlaub eine Reise; aus den Erlebnissen wurden Erfahrungen; und aus der Erholung wurde Entspannung.

Und – alles zusammen wurde zur Verheißung, künftig noch viel längere und erlebnisreichere Fahrten mit Mzungu unternehmen zu dürfen als diesen ohnehin schon wunderbaren, ersten Urlaub.

Eine Zusammenfassung der Reise gibt es natürlich wieder als Video auf YouTube.

Relaxen am Strand und Rückreise

Im Südosten stürzen wir uns an der Costa Rei nochmal in das alltägliche Chaos der Strandurlauber. Nachdem wir ansonsten immer frei gestanden haben, wollen wir uns für zwei Tage etwas Luxus gönnen und fahren zu einem der besten Campingplätze Sardiniens. Mit Mzungu fallen wir hier komplett aus dem Rahmen. Auf einen Standard-Stellplatz passen wir nicht und werden auf einen Comfort-Platz gelotst, der erstens etwas größer und zweitens etwas weg vom Animations-Trubel ist. Wir packen zum ersten Mal unser Tarp aus (wieder ein Test) und setzen uns gemütlich in den Schatten. Auch wenn wir rückblickend mit einem Standard-Stellplatz ausgekommen wären, genießen wir den geräumigen Platz, die relative Ruhe, morgendliches Yoga, Frühstück mit Musik, das Musikhören in der Hängematte, den Schatten unterm Tarp, das Chillen am Mittag, den Strand, ein kühles Bier, ein leckeres Magnum-Eis, das erfrischende Meer und die frische Brise. Abends gehen wir im Restaurant essen statt selbst zu kochen – irgendwie ist es wie ein ganz normaler Camping-Urlaub, nur eben doch ein wenig anders.

Aber ganz ohne Aktivitäten geht es bei uns doch nicht. Wir machen an einem unserer Faulenzertage eine Radltour auf das nördlich vom Campingplatz liegende Capo Ferrato. Zunächst geht es auf einem tollen und nicht zu anspruchsvollen Trail entlang riesiger Kakteen zum Leuchtturm. Dann entscheiden wir uns, parallel zur Küste weiter durch die Macchia der bergigen Landschaft zu fahren. MapsMe zeigt einen … nun ja, nennen wir es Pfad. Es ist mittlerweile Mittagszeit und über 35 Grad. Wir tragen unsere Bikes auf den nächsten zwei bis drei Kilometern mehr als wir fahren und blicken an der Felsenküste immer wieder auf einsame Strandabschnitte. Wir placken uns in 2 Stunden über gerade mal 17 Kilometer und 300 Höhenmeter und sind froh, als Mzungu uns mit kalten Getränken und Klimaanlage zurück empfängt.

Bevor es zurück geht auf‘s Festland, fahren wir noch ein letztes Mal an den Strand; logistisch optimal für die Fährfahrt um 11 Uhr nehmen wir den gleichen Strand wie am Ankunftstag und schlafen dort nach dem obligatorischen Aperol Spritz – die Bedienung hat sich noch an uns erinnert …

Die Fährfahrt ist unspektakulär und wir bleiben vor der Weiterreise noch einen Abend in Livorno, wo wir den Abend in netter Gesellschaft am Hafen verbringen. Ganz nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“, machen wir den ersten Zwischenstop in Bologna. Wir parken außerhalb und nehmen den Bus in die Stadt. Wir bummeln durch die Via dell Indipendenza, vorbei an der Fontana del Nettuno, besichtigen die Basilica di S. Domenico, ruhen uns bei einem Espresso aus und wandern, bevor es wieder zurück geht, vorbei an den Türmen Garisenda und Asinelli zur Kathedrale di S. Pietro. Als letztes Zwischenziel vor München fahren wir über Slowenien zum Weingut Saksida. Corona-bedingt ist unsere Frühjahrstour zu Ingrid und Marco ausgefallen und wir nutzen die Chance auf einen Abend bei phantastischem Essen und gutem Wein.