Wir haben uns für eine Führung “Auf eigene Faust” für die Meyer Werft in Papenburg angemeldet. Die Werft ist bei unserer Ankunft bereits zwei Kilometer vor der Abbiegung auf den Besucherparkplatz nicht zu übersehen, denn wir haben das große Glück, dass die AIDA Cosma für 2 Wochen am Ausrüstungspier im Werfthafen liegt.


Die Emsüberführung der AIDA Cosma wird im Oktober 2021 stattfinden. Auf dem 45 km langen Weg von Papenburg in die Nordsee wird sie eine enge Schleuse durchfahren, eine Eisenbahnbrücke wird für sie demontiert werden und eine der größten Klappbrücken der Welt wird sich für sie öffnen. Am Emssperrwerk wird sie die letzte Engstelle passieren, bevor sie am 22.12.2021 ab Hamburg den regulären Betrieb aufnehmen wird. Bei ihrer ersten Weihnachts- und Silvesterreise geht es nach Gran Canaria, wobei die Kreuzfahrtgesellschaft einen ungewöhnlichen Jahreswechsel verspricht. Zumindest war das während unseres Sommerurlaubs noch der Plan. Aber auch hier hat Corona die Pläne durchkreuzt und die AIDA Cosma hat ihren regulären Betrieb jetzt, im Januar 2022, noch nicht aufgenommen.
Die AIDA Cosma wird mit Flüssiggas (LNG) angetrieben, ein Antriebssystem, bei dem die Meyer-Werft weltweit führend ist. Beeindruckend finden wir, dass in 2050 alle neuen Schiffe vollständig mit regenerativer Energie angetrieben werden sollen. Damit sind wir nach knapp 270 Jahren quasi wieder dort angekommen, wo nach den Segelschiffen mit dem ersten Dampfschiff die Geschichte der Schiffahrt mit fossilen Brennstoffen anfing.
Die Geschichte der Meyer Werft hat viele spannende Highlights zu bieten.
Sie nimmt im Jahr 1795 als Holzschiffwerft auf dem Gelände der ehemaligen Papenburg ihren Anfang. 1876 wurde das erste Stahlschiff von der Werft gebaut – in Deutschland eine Premiere, da man nicht glaubte, dass Stahl schwimmen kann.
Auch das vielen bekannte Kriegsschiff Götzen wurde 1913 in der Meyer-Werft gebaut. Das Dampfschiff wurde zerlegt, in 5.000 Kisten in die Kolonie Deutsch-Ostafrika transportiert und verkehrt dort heute nach sehr bewegter Geschichte als Passagier- und Frachtschiff Liemba auf dem Tanganjikasee. Der Teil deutscher Kolonialgeschichte ist in dem Roman „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus wundervoll lebendig beschrieben und ein absoluter Buchtip. Einmal mit der Liemba zu fahren ist seit Jahren ein großer Traum von uns, den wir uns eines Tages erfüllen werden und von dem wir dann auch hier berichten werden. Bleibt also dran 😉
In den letzten Kriegswochen des 2. Weltkriegs wurde das Feuerschiff Elbe 1 von Werftmitarbeitern in der Elbe versenkt, um es vor den Luftangriffen der Alliierten zu schützen, nachdem der Bau sich seit 1939 wegen dem Stopp aller zivilen Schiffbauaufträge durch die Nationalsozialisten bereits viele Jahre dahingeschleppt hatte. Wenige Monate nach Kriegsende wurde die Elbe 1 gehoben, 1948 mit Genehmigung der Besatzungsmächte ausgeliefert und neun Jahre nach ihrem Baustart in Dienst gestellt. Seit 1988 gibt es keine Feuerschiffe mehr an der Elbmündung vor Cuxhaven und auch die Elbe 1 wurde außer Dienst gestellt. Nach dieser bewegten Geschicht ist die Elbe 1 heute ein Museumsschiff.

1976 wurde das Werftgelände zu klein und der Zugang zur Elbe zu schmal für den Grossauftrag russischer Gastanker. Das Unternehmen zog um auf das heutige Gelände. 1985 baute die Mayer-Werft ihr erstes Kreuzfahrtschiff und ist heute einer der Weltmarktführer in diesem Segment.
In Papenburg arbeiten nur 3.450 feste Mitarbeiter – wir finden das unglaublich wenig für die Anzahl der Schiffe, die jedes Jahr die Werft verlassen. Wir finden es auch spannend, dass die Werft bereits 19 Monate nach Beauftragung mit dem Bau eines Kreuzfahrtschiffs beginnt und es bereits nach 36 Monaten ab Auftrag ausliefert. Die Entwicklung eines weitaus weniger komplexen Autos dauert länger – zumindest bei allen etablierten europäischen OEMs.

Auf der selbstgeführten Tour können wir auch einen Blick in die größte überdachte Schiffsbauhalle der Welt werfen. Hier werden parallel zwei Schiffe gebaut. Mit einer Höhe von 75 Metern würden das Brandenburger Tor und der Reichstag übereinander in die Halle passen. Der größte Kran in der Halle kann 800 Tonnen heben, was 150 ausgewachsenen Elefanten entspricht. Mit diesem Kran werden vorgefertigte Elemente, z.B. komplette Kabinenmodule oder die gesamte Brückensektion auf die Schiffsbasis gehoben.

Insgesamt ist die Tour interessant und wirklich gut gemacht. Wir sind extrem beeindruckt und haben viel gelernt in den 1 1/2 Stunden. Der Besuch der Werft ist ein absoluter Tipp für alle, die in der Nähe Urlaub machen.



















