Unterwegs am Kochelsee

Es ist Mittwochnachmittag und mit Fronleichnam steht uns ein langes Wochenende bevor. Wir klappen früh unsere Firmen-Laptops zu, packen unsere Fahrräder in Mzungu und fahren nach negativem Schnelltest in der Apotheke raus aus München in die Berge. Unser Ziel ist das Klostergut Schlehdorf, das früher zum Dominikaner-Kloster des Ortes gehörte. Hier wollen wir ein paar Tage Tapetenwechsel genießen.

Das Klostergut betreibt einen sogenannten Pop-up Stellplatz. Anders als beim Campingplatz gibt es kein Entertainment und außer Toilette, Dusche und einer kleinen Küche gibt es keine touristische Infrastruktur. Erlaubt sind maximal 3 Camper und das Ganze ist recht minimalistisch.

Auf dem genossenschaftlichen Klosterhof Schlehdorf wird sozial-ökologische, ökonomische und solidarische Landwirtschaft gelebt und das wertschätzende Miteinander groß geschrieben. Es ist friedlich und ruhig. Permanent leben 10 Genossenschaftler auf dem Hof – weitere gelegentlich in einem der Zimmer im Gästehaus. Wir stehen auf der ehemaligen Mistplatte und nehmen uns nach unserer Ankunft ein alkoholfreies Biobier und eine Biozisch Zitronenbrause aus dem Automaten.

Nachdem wir mental angekommen sind, erkunden wir gestärkt die Umgebung: Es gibt neben der Stille und dem Blick ins Grüne einen Hofladen (an drei Tagen in der Woche nachmittags geöffnet), einen Himmelsteich, eine Imkerei, einen Erdkeller, einen Steingarten, ein Wurmhaus, einen Gemüsegarten, Schafe, Hühner, Enten, mindestens zwei freilaufende Gänse, einen friedlichen Hofhund, einen Peace-Pole und ein Labyrinth. Alles ist auf Schildern liebevoll beschrieben und erklärt. Überall zwitschert es, Grillen zirpen, es herrscht geschäftiges Treiben und aus jeder Pore strömen Gemeinschaft und Landleben auf die Sinne ein.

Gerade in der schönsten Idylle gibt es die räuberischsten Gartenzwerge, denen hier auch noch in Form zweier überlebensgroßer Gemälde gehuldigt wird. Die beiden Gesellen sehen in der friedlichen Atmosphäre hier zwar gutmütig aus, aber wir sind dennoch froh, dass Dino wieder über uns wacht.

Im Ort Schlehdorf gibt es zwei Gaststätten, einen kleinen Dorfladen mit Brötchen für’s Frühstück, eine Schiffsanlegestelle und einen traumhaften Blick auf den Kochelsee sowie die im Süden liegenden Berge. Es ist so schön und normal, dass wir uns für den ersten Biergarten-Besuch seit dem Start des Corona Lockdowns im Herbst 2020 entscheiden. Okay, die Bedienung ist langsam, wir warten ewig auf‘s Essen, es ist touristisch überteuert und das Essen ist nur lauwarm. Aber es ist uns egal. Wir haben das Gefühl, zurück zu sein im Leben.

Unsere Campingnachbarn Ralph und Karin sind mit einem VW-Bus California unterwegs und echte Aktivurlauber. Sie erzählen von Reisen in der halben Welt, vom Wandern, Radfahrern und Kanufahren. Wir verstehen uns gleich sehr gut mit den beiden, denn irgendwie „ticken“ wir sehr ähnlich. Ralph ist gebürtiger Bayer, sein Vater hat jedoch unsere alte Heimat, das Ahrtal, als Altersruhesitz gewählt und daher hat Ralf Ahrwein aus Mayschoss im Gepäck, den er mit uns teilt. Was uns als Jugendliche in Bad Neuenahr genervt hat, hat vor fast 20 Jahren die Entscheidung von Ralphs Vater für das Ahrtal als Altersdomizil begünstigt: alle wichtigen Ärzte und Kliniken sind vor Ort, es gibt viele alte Leute und die weitläufige Ahr-Allee ist zum Flanieren mit Gehhilfen ebenso ideal wie die kleine und ruhige Fussgängerzone mit ihren verschlafenen teils altmodischen Geschäften. Irgendwie spannend das alles mal von der anderen Seite zu betrachten. Vielleicht gehen wir ja doch im Alter zurück in die Heimat?!?

Außerdem lernen wir Mark kennen. Mark ist eines von 120 Genossenschaftsmitgliedern und Vorstand des Klosterguts. Er ist nicht nur verantwortlich für das Camping, sondern auch für die gesamte Organisation. Er bewohnt mit seiner Freundin Sarah ein Tiny House, das er komplett selbst entworfen und gebaut hat. Ganz fertig ist er noch nicht, aber Holz, Lehmputz, runde, organische Formen, weich fallende Stoffe, viel Licht von den seitlichen Dachfenstern und ein Kaminofen sorgen schon jetzt für eine warme und gemütliche Atmosphäre.

Am Kochelsee selbst kann man viel unternehmen und die Auswahl fällt schwer. Wir entscheiden uns für eine entspannte Wanderung von Schlehdorf über Raut und den Jocher Höhenweg im Westen des Kochelsees zum Walchenseekraftwerk bei Altjoch. Der Weg läuft durch den Wald und das Licht ist fast schon mystisch. Gerade im Frühjahr, wenn die Natur hellgrün in der Sonne leuchtet, und alles wie frisch gewaschen aussieht, hat der Wald etwas märchenhaftes. Statt den Felsenweg zurück nach Schlehdorf zu laufen nehmen wir ein Boot der Motorschiffahrt Kochelsee und schippern gemütlich zurück.

Wir haben die Fahrräder dabei und fahren über einen kurzen aber heftigen Anstieg via Kochel am See nach Urfeld am Walchensee. Die Strecke ist vielbefahrene und daher wenig lustig. Ab Urfeld geht es im Uhrzeigersinn um den Walchensee. Die Strecke ist teils gekiest, jedoch meistens geteert und geht durch Wälder, zwischen frisch gemähten Wiesen durch und fast die ganze Zeit direkt am See entlang. Autoverkehr gibt es kaum und wir genießen diesen Teil der Tour. Unterwegs gibt es einen Cappuccino und später ein Eis. Wir lassen es uns gut gehen und genießen die immer wieder herauskommende Sonne und das warme Wetter. In Einsiedl, im Südwesten des Sees gibt es einen Nachtparkplatz für Camper, den wir sicher demnächst mal mit Mzungu testen werden. Nach der wundervollen Rundtour um den See sausen wir nach einem kurzen Anstieg wieder bergab nach Kochel am See.

Erst als wir zurück sind am Klosterhof wird es windig, es regnet, die Temperaturen sinken merklich und es gewittert. Wir sitzen zu dem Zeitpunkt schon trocken und warm im Auto, genießen den Abend bei Lichterkette, Gemüsepfanne und Weißwein und freuen uns über unser Glück.

Mzungu haben wir während unserem Kurztrip wieder ausgiebig genutzt. Es gibt morgens draussen Milchkaffee mit aufgeschäumter Milch, am Feiertag gibt es Rühreier und Ina backt Kuchen. Abends duschen wir mit warmem Wasser und stoßen mit kaltem Sekt aus dem Kühlschrank an. Da wir Sonne, und damit Strom ohne Ende haben, kochen wir bei Regen drinnen auf unserem portablen Induktionsfeld und nicht mit Gas. Unser Fahrerhaus schützen wir vor den UV-Strahlen mit unseren Blidimax-Verdunklungen. Und auch ein Mittagsschläfchen in der von der Klimaanlage gekühlten Kabine darf nicht fehlen.

Alles in allem haben wir den Kurztrip in die Berge trotz Maskenpflicht und zwei Corona-Schnelltests sehr genossen. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Tour mit Mzungu – egal wie kurz sie auch sein mag.

Kurztrip ins Schwabenland

Es ist der 23. Mai, die COVID-19 Inzidenzwerte sinken seit einigen Wochen und es haben mehr als 40% der Deutschen eine Erst- und über 15% eine Zweitimpfung erhalten. Wir holen Mzungu aus dem Winterquartier und machen ihn fit für den ersten Kurztrip “nach Corona”. Es geht für eine Nacht in die Nähe von Stuttgart – Freunde treffen und die Natur zwischen Leonberg und Sindelfingen genießen – alles Corona-konform.

Das Wetter kann sich nicht entscheiden zwischen Sonne, Sturzregen und Hagel; nicht ganz das, was wir uns unter dem Wonnemonat Mai vorstellen. Mzungu lässt sich davon aber nicht beeindrucken. Er brummt gemütlich vor sich hin und bringt uns, in der ihm eigenen Ruhe, ans Ziel.

Unser Treffpunkt ist ein Wanderparkplatz nahe der Autobahn außerhalb der vielen Umweltzonen rund um Stuttgart. Ulrike, Wolfgang und Sunny erwarten uns schon. Nach einer ausführlichen Besichtigung des kleinen Südamerikaners Sunny machen wir einen langen Spaziergang auf dem Höhenkamm im Nord-Osten von Warmbronn. Endlich scheint die Sonne mal 2 1/2 Stunden ohne Unterbrechung. Es ist toll endlich wieder unterwegs zu sein und etwas zu unternehmen. Wir genießen die relaxte Stimmung.

Das üppige Abendessen haben sich unsere hungrigen Mägen nach dem langen Marsch redlich verdient. Es gibt Brot, Wein, Oliven, Salat und Käse. Gekrönt wird der erste Abend mit Gästen in Mzungu von Ulrikes Apfelkuchen. Auch wenn in unserem Reisemobil alles auf 2 Personen optimiert ist, sitzt und isst man drinnen auch zu viert super gemütlich. Wir quatschen bis nach Mitternacht, tauschen unsere Reiseerlebnisse aus und diskutieren Grundrisse, Materialien sowie technische Lösungen unserer (werdenden) Fahrzeuge. Die Nacht verbringen wir mitten in der Stille der Natur.

Mitten in der Nacht wollte eine Gruppe Gartenzwerge uns überwältigen. Wir sind froh, dass wir einen Beschützer vor der Türe hatten und von alldem nichts mitbekommen haben, sondern bei 11 Grad Außentemperatur im warmen Aufbau in unserem kuscheligen Bett wie die Murmeltiere geschlafen haben. Nach dem Aufstehen gibt es daher ausgeruht und tiefenentspannt im Schlafanzug den ersten Kaffee – bei Ina sogar mit aufgeschäumter Milch – gefolgt von einem gemütlichen Frühstück. Das alles ist ein Luxus, den wir noch immer kaum fassen können.

Danach geht es bei bedecktem Himmel nochmal in den Wald, denn in der Nähe gibt es die eigentlich für Nordamerika berühmten Riesenmammutbäume. Auch wenn die Verwandten hier nicht so alt und mächtig sind wie der berühmte General Sherman Tree mit seinen fast 85 Metern Höhe und einem Durchmesser von über 8 Metern, sind die deutschen Riesen dennoch sehr beeindruckend. 106 dokumentierte Standorte gehen zurück auf eine “etwas” zu umfangreiche Samenbestellung der Wilhelma im Auftrag von König Wilhelm I aus dem Jahre 1864. Die Seite www.mammutbaum-projekt.de, auf der es viele Informationen zu den Bäumen gibt, scheint seit 2012 leider verweist zu sein.


Viel zu schnell vergeht die Zeit und wir müssen wieder nach Hause aufbrechen. Den netten kleinen Ausflug ins Schwabenland mit Mzungu haben wir dennoch genossen und wir gehen gestärkt und erholt in die nächste Woche.

Bodensee und Vorarlberg

Nachdem unser Defender die Corona-Phase im Carport verbracht hat, nutzen wir die zurückgewonnene Reisefreiheit für ein langes Camping-Wochenende. Als Basis für unsere Ausflüge der nächsten Tage dient ein sonniger und chilliger Platz in der Nähe des Ostufers des Bodensees. Hier genießen wir die Sonnenuntergänge mit Kerzenlicht und gutem Wein aus Slowenien.

 

Das österreichische Bregenz ist ein nettes kleines Städtchen, dessen Hauptattraktion die Seebühne im Ufergewässer des Bodensees ist. Die Festspielsaison 2020 ist wegen Corona leider abgesagt, aber die eindrucksvolle Bühnenkonstruktion für Verdis Rigoletto, dessen Zentrum ein mehr als 13 Meter hoher beweglicher Kopf mit Augen von 2,7 Metern Durchmesser ist, kann dennoch besichtigt werden. Insgesamt lädt die Seepromenade zum “Seele baumeln lassen” ein, und in der mit Cafés und Restaurants gespickten Innenstadt geht es ruhig und gemächlich zu. Maskenpflicht besteht in Österreich nicht mehr und der Mindestabstand von 1 Meter entspricht der Komfortzone, die eh jeder hat. Ist diese starke Lockerung gut oder schlecht? Das wird man vermutlich erst nach der Feriensaison sagen können.

Die Vorarlberger Alpen, ganz im Westen Osterreichs bieten traumhafte Wandermöglichkeiten. Wir entscheiden uns für einen gemütlichen Rundweg im Naherholungsgebiet Bördele am Losenpass auf fast 1.200 Metern mit schönen Ausblicken. Der Weg startet und endet am Berghof Fetz, wo es eine Nachtparkmöglichkeit mit wunderbarem Bergpanorama für Camper bis 5,5 Tonnen gibt. Unser Wanderweg meandert auf und ab durch Wiesen, geht durch Schatten spendenden Wald und über Forstwege. Es ist eine tolle kleine Wanderung zum Abschalten und Runterkommen. Zum Schluss ersetzen wir die verbrauchten Kalorien im Berghof durch neue in Form einer genial schmeckenden Vorarlberger Käsecreme-Suppe mit Croutons und einem Cappuccino.

In Friedrichshafen lädt das Dornier-Museum zu einer Reise durch die Firmengeschichte vom ersten Flugboot über die Kriegszeit und vom Verbot des Flugzeugbaus in Deutschland bis zum Beitrag Dorniers zur internationalen Raumfahrt. Die Ausstellung ist liebevoll gemacht und mit ihren originalen Flugexponaten nicht nur etwas für Technikbegeisterte. Wir bummeln fast zwei Stunden durch die verschiedenen Räume und schauen uns das ein oder andere Exponat auf Grund persönlicher Interessen etwas intensiver an: der einmotorige Schulterdecker Do 27 war das Flugzeug mit dem Michael Grzimek über die Serengeti flog, eine Zeichnung erklärt die Funktionsweise eines Windkanals und neben dem Nachbau des legendären Lufthansa Silberfuchs steht zumindest ein Auto im Museum – der Oldtimer des Gründers und Namensgebers Claude Dornier. Da Friedrichshafen in Deutschland liegt, herrscht im Museum Maskenpflicht und igendwie ist das zwar ungemütlich, fühlt sich aber richtiger an als in Österreich.

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Nach der kleinen Flucht aus dem Alltag sind wir zurück im täglichen Trott und träumen uns beim Anblick der Fotos zurück in unseren Dicken.