Sizilien

2022 fängt leider nicht besser an, als 2021 geendet hat. Eigentlich sollte es für Mzungu drei Wochen durch Marokko gehen, aber es gab zum dritten Mal in 1 1/2 Jahren viele Gründe, dass wenige Wochen vor der Abfahrt der Fähre alles anders kam als geplant. Und so tauschen wir den Besuch bei Beduinen und Berbern gegen den bei Sikanern und der Cosa Nostra. Ohne viel Vorbereitung auf Land und Leute wir sind unterwegs nach Sizilien. Zudem sind wir umgestiegen vom Reise-LKW Mzungu auf den Defender Pig Pen und freuen uns auf ein einfaches Leben, das ohne viel Luxus in den nächsten Wochen hauptsächlich draußen stattfinden wird.

Die Fahrt zur Fähre verteilen wir auf zwei Tage, und übernachteten auf dem Bauernhof der Familie Hansemann in der Nähe von Chur in der Schweiz (zu finden über campland.ch). Der Hof ist nur wenige Kilometer entfernt von der Autobahn und liegt traumhaft schön und idyllisch in den Schweizer Alpen. Heidschnucken, Weiderinder und Hühner werden hier von der kuschelbedürftigen Hofhündin Simba bewacht.

Weiter geht es über den San Bernadino, vorbei am Luganersee und am Comer See bis nach Genua. Unterwegs wandelt sich das Wetter von Sturm und Schnee bei zwei Grad Celsius zu strahlendem Sonnenschein und dreiundzwanzig Grad. Wir hören Daughtry und Nickelback und beim ersten überteuerten und grausig schmeckenden Cappuccino, der auf einer Schweizer Raststätte aus einer fancy aussehenden Siebträgermaschine in unsere Pappbecher tröpfelt, stellt sich das erste Urlaubsgefühl ein. Vor der weitgehend unspektakulären Fährfahrt bei ruhiger See und strahlendem Sonnenschein besichtigen wir in Serra Ricco (Lombardei) eine sehr schöne, aber kleine, dem Heiligen Sankt Rocco gewidmete Wallfahrtskirche und starten in Palermo entspannt in 11 Tage Sizilien-Abenteuer.

Sizilien gehört zu Italien und befindet sich südwestlich der “Stiefelspitze”. Durch die Straße von Messina vom Festland getrennt, liegt die dreieckige Insel an der schmalsten Stelle nur drei Kilometer von diesem entfernt. Sizilien ist etwas größer als Sardinien, wo wir vor zwei Jahren im Sommer waren (Blog-Beiträge Sardinien 2020), und ist die größte Insel im Mittelmeer. Die Insel ist hügelig, teils gebirgig und mit aktuell 3.357 Metern ist der Ätna der höchste Berg der Insel – und der höchste aktive Vulkan Europas. Erste Funde, die auf eine Besiedlung der Insel deuten, sind auf 35.000 v. Chr. datiert. Sizilien liegt für den Handel logistisch günstig und so hinterließen ab dem 9-ten Jahrhundert v. Chr. Griechen, Römer, Araber, Normannen und Spanier sichtbare Spuren als Siedler und Machthaber. 1735 kamen Süditalien und Sizilien unter eine gemeinsame Herrschaft und 1861 erfolgte die Vereinigung mit dem Königreich Italien. 1946 wurde Sizilien, als Antwort auf separatistische Bewegungen nach dem zweiten Weltkrieg, zur autonomen Region Italiens.

Wir sind im April unterwegs und das Wetter ist um diese Jahreszeit eher durchwachsen. Die Temperaturen sind nachts niedrig einstellig, tagsüber ist es bestenfalls sonnig bis wolkig, so um die 20 Grad. Der Wind ist noch recht frisch und Touristen sind eher selten anzutreffen. Unterhalb von 1.000 Metern erstrahlt die Insel im satten, hellen grün, die saftigen Wiesen sind Blumen-übersät und die Bäume und Sträucher stehen in voller Blüte. In den Höhenlagen findet man die ersten zarten Knospen an den Bäumen. Die Insel bereitet sich auf den Sommer vor. Nur der Campingplatz in Palermo ist rappelvoll, wenn die Fähre zwischen 20 und 22 Uhr anlegt und die Camper einen Platz für die erste Nacht suchen. Voll sind zu Ostern auch der kleine Campingplatz bei Nicolosi, am Fuße des Ätna, sowie der Platz am Tal der Tempel in Agrigento.

Sobald man sich von den Hauptverkehrsadern entfernt, sind die Straßen eher schlecht, und wir wünschen uns nicht nur einmal statt des löchrigen und geflickten Asphalts eine schöne Schotterpiste. In den Ortskernen sind die Gassen einspurig, teilweise steil und extrem schmal, sodass Pig Pen mit seinen 2 Metern Breite gerade so hindurch passt. Durch die engen Gassen entsteht überall ein kaum überschaubares Gewirr aus Einbahnstraßen. Es ragen Minibalkone in die Gassen hinein, die ein Durchkommen für jedes Fahrzeug über 2,5 Meter Höhe unmöglich machen. Als unserem Defender das mal irgendwann alles zu viel wird, schubst er mit dem Hintern vor der Bibliothek in dem kleinen Ort Mandanici einen Blumenkübel um. Ein paar junge Damen kommen gelaufen und kümmern sich um alles. Sie kommentieren alles lachend mit einem „no problemo“ und „stupid pot“. Helfen dürfen wir nicht beim Wegräumen und bezahlen dürfen wir den Schaden auch nicht. Gut, dass wir wenigstens eine Flasche Wein da lassen können.

Kein Wunder, dass das Fahrzeug der Wahl für die Einheimischen der Kleinstwagen Fiat Panda ist, den man auf jeder noch so schlechten Piste antrifft. Insbesondere der Typ 141 der ersten Generation ist hier als Allrad-Version allgegenwärtig – häufig verbeult und mit verblichenem Lack, aber erstaunlicher Weise ohne viel Rost.

Auch sonst ist die Verkehrsführung auf der Insel insgesamt ziemlich konfus. Ein U-Turn am Kreisel ist nicht nur ein Mal der ausgeschilderte Weg, den auch unser Navi anzeigt. Auch Stop-Schilder mitten im Kreisel gibt es immer wieder. Die Beschilderung ist manchmal unverständlich und manchmal überflüssig. Häufig ist nicht ganz klar, ob eine Straße ein-, zwei oder dreispurig ist. Zweiräder überholen im kreativen Chaos mal rechts und mal links. Jeder fährt wie er meint und hupt einfach einmal mehr, um auf sich aufmerksam zu machen – Bremsen scheint tabu. Es gibt Baustellen über Baustellen mit provisorischen Verkehrsführungen. So manches Mal sind die gelben Linien schon abgefahren und verblasst. An vielen Stellen wirkt es so, als sei das Provisorium zum Verbleib erklärt worden.

Wir fahren ziemlich wirr über die Insel mit unserem Defender. Immer gerade dahin, wohin wir morgens oder mittags spontan entscheiden, hin zu wollen. Das ist nicht immer sinnvoll und manchmal sogar ziemlicher Unfug. So landen wir an einem Abend auf 1.500 Metern Höhe im Nebrodi-Gebirge. Die erste Schneepassage nehmen wir mit Humor, aber bei der zweiten drehen wir doch um. Wir haben kurze Hosen an, sind nicht auf Winter eingestellt und fahren nach einer kalten Nacht zurück auf geringere Höhe.

Wir campen auf Campingplätzen oder wir stehen frei. Wir suchen bewusst einsame Off-Road-Pisten oder besichtigen touristische Highlights. Wir kochen wegen der Kälte im Defender drinnen oder sitzen bei einem guten lokalen Wein nach Sonnenuntergang draußen im Schein unserer Lichterkette. Wir laufen auf 2.000 Meter zu einem Vulkankrater oder sitzen am Strand. Es hat Schneeregen und Hagel und der Defender wärmt uns mit seiner Standheizung. Wir trinken mit Sonnenbrille einen Aperol-Spritz in der Sonne. Wie Ihr seht, ist von allem etwas dabei in diesem Urlaub.

Wir nehmen Euch in den nächsten Wochen in diesem Blog mit zu den Highlights unseres Urlaubs und werden berichten über das Offroad-Fahren in einsamer Natur, über die Natursehenswürdigkeiten, über wunderschöne Kirchen, über Palermo, über die Mafia (incl. Anti-Mafia-Bewegung) und über kulturelle Highlights. Viel Spaß!

Berge, Wein und mehr

Die letzte Mail formulieren, noch schnell ein Dokument verschicken, den Abwesenheitsagenten aktivieren – und schon geht‘s am Mittwochabend los in den Kurzurlaub. Wir fahren mit dem Defender Ende Juni auf eine Wohlfühl-Tour in die Berge. Der „Kleine“ ist für die langen Autobahnetappen und die engen Passtrassen besser geeignet als Mzungu und wir freuen uns auf das direktere Camping- und Draußen-Feeling. Ausserdem haben wir gutes Sommerwetter bestellt, sodass wir den Komfort von Mzungus Wohnkabine wenig vermissen werden.

Leider gibt am Anfang des Trips Lieferprobleme beim Wetter – aber egal, wir werden die 4 Nächte dennoch genießen und fahren erstmal raus aus München… Gerade bei Kurztrips genießen wir es abends nach der Arbeit schon los zu fahren. Der letzte Arbeitstag endet dann schon mit Urlaubsentspannung und gefühlt ist der Trip einen ganzen Tag länger. Wie schon so einige Male geht es bis nach Krün zum – für Christoph – traditionellen Zwiebelrostbraten. Die Nacht im Defender ist dank Standheizung kuschelig warm und unsere Matratze ist gemütlich wie immer. Gefrühstückt wird am nächsten Morgen ganz entspannt mit frischen Brötchen und druckfrischer Tageszeitung bei Nieselregen und etwa 10 Grad Außentemperatur unter unserer Foxwing-Markise.

Wir lassen uns vom Wetter nicht beirren und fahren von tief in die Bergtäler hineinhängenden Wolken und Musik von Marillion begleitet über den Brenner. Endlich regnet es nicht mehr.

Als wir dann endlich in den Dolomiten sind und zum Passo Valparola hinauf fahren, sind wir von der Landschaft absolut hingerissen. Ein traumhaftes Bergpanorama eröffnet sich uns – im Osten erheben sich die steilen, kahlen und schroffen Felsen der Dolomiti d‘Ampezzo und im Westen begleiten uns bewaldete und mit Wiesen  und Blumen gesäumte Berge. Unzählige Radler quälen sich die Paßstrasse hoch, immer wieder sehen wir Wanderer auf den Wegen abseits der Hauptstraße. Es ist ein Paradies für Aktivurlauber und wir bedauern, dass wir nur auf einem KURZ-Trip sind.

Es geht wieder runter ins Tal und dann in dutzenden Kehren mit bis zu 18%iger Steigung hoch zum fast 2.300 Meter hohen Passo di Giau. Die Wolkendecke reißt auf und wir dürfen den Höhepunkt des Tages bei strahlend blauem Himmel, klarer Sicht und Sonnenschein genießen. Die Felsen strahlen im warmen Nachmittagslicht und wir sind überwältigt von dem Anblick.

Unser Campingplatz in Palafavera liegt auf 1.600 Metern und damit einige Meter tiefer als der Pass vorher. Wir haben blauen Himmel, kochen und krabbeln ins Bett als es dunkel wird. Der Himmel ist klar und die Nacht mit 6 Grad recht kalt. Dafür ist der Ausblick am nächsten Morgen sensationell. Durch die terrassenartig angelegten vereinzelten Campingbuchten haben wir einen direkten, traumhaften Blick auf die vor uns liegenden und von der Morgensonne erleuchteten Berge. Wir genießen Inas Geburtstagsmorgen ganz stressfrei und fahren erst spät weiter. 

Von hier ist es nur ein Katzensprung zur Mautstraße zum Rifugio Auronzo. Das Rifugio liegt auf 2.300 Metern Höhe auf der Südseite der 3-Zinnen. Am Ende der Stichstrasse gibt es einen Stellplatz für Camper, den wir gleich auf unsere Bucket-Liste schreiben. Auch hier ist der Wettergott auf unserer Seite und wir sehen die 3-Zinnen ohne Wolken und Regen. Der Anblick ist atemberaubend und wir laufen ein Stück entlang diesem traumhaften hochalpinen Panorama. Für die ca. 12 Kilometer lange Umrundung der 3-Zinnen ist es leider schon zu spät und morgen sind Regen und Gewitter vorhergesagt. Daher wird aus dieser Tour diesmal leider nichts. Wir übernachten ganz relaxed auf der Nordseite der 3-Zinnen auf dem Caravanpark Sexten. 

Der kulinarische Höhepunkt unterer Reise ist das Weingut Saksida. Der Weg dort hin führt uns von den Dolomiten durch eine traumhafte Berglandschaft bis nach Slowenien. Unterwegs gibt es in Ovaro im Café Di Topan Stefano das vermutlich beste Pastrami-Sandwitch außerhalb New Yorks.

Angekommen in Slowenien ist es im fast auf Meereshöhe liegenden Vipava Valley so sonnig und warm, dass wir unsere Markise das zweite Mal auf diesem Kurztrip benötigen – diesmal jedoch gleich mit Seitenteil und als Sonnen- und nicht als Regenschutz. Wir chillen, lesen und genießen das gute Wetter auf dem Weingut von Ingrid und Marko. 

Marko übertrifft sich am Abend in der Küche von Saksida selbst und jeder Gang des Menüs zeugt von Kreativitiät und perfekter Umsetzung. Forelle in Gurkensaft, sautierte Karotte mit Grieben und Joghurt und Wildschweinfilet in Kirschsauce sind nur drei der fünf Gänge. Dazu gibt es immer die ideale Weinbegleitung von Ingrid. Allein wenn wir daran zurückdenken, läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Zur Erinnerung nehmen wir wie jedes Mal Wein mit nach Hause und versprechen wiederzukommen. 

Etwas traurig, dass der Kurztrip schon vorbei ist, geht es über den Felbertauerntunnel wieder nach München. Es ist so traumhaft schön in den Bergen, dass wir ganz wehmütig werden. Die Dolomiten haben es uns dieses Mal so sehr angetan, dass wir dieses Jahr am liebsten nochmal hin fahren würden – wir möchten die 3-Zinnen umwandern und dazu am Rifugio Auronzo übernachten. Von München zu den 3-Zinnen sind es 350 Kilometer. Wäre doch gelacht, wenn das nicht noch irgendwo reinpassen würde in die Jahresplanung…

Und, wie war’s?

„Na, wie war der Urlaub?“ – „Habt Ihr Euch gut erholt?“ – Diese Frage, von Freunden und Kollegen nach dem Sommer vielfach höflich und wohlwollend gestellt, hat für uns und die, die uns näher stehen, in diesem Jahr eine besondere Bedeutung – ging es doch um die erste Testfahrt und erste Erlebnisse mit unserem neuen LKW auf einer Tour nach Sardinien.

Das Campen

Kurz gesagt: alles anders! Einerseits sind wir sehr viel unabhängiger als bisher mit dem Defender. Strom- und Wasserversorgung, Reichweite von Diesel und Lebensmitteln und nicht zuletzt der Platz im Fahrzeug sind um ein Vielfaches größer, und für einen offiziellen Campingplatz gibt es schlichtweg kaum noch einen Grund. Entsprechend selbstverständlicher haben wir „wild“ gecampt – und hatten dabei (und das ist andererseits ebenso ungewohnt) so viel mehr Komfort zur Verfügung als bisher. Gespräche mit Inhalten wie „haben wir noch ein MAGNUM im Tiefkühlfach?“, „ich habe das Après-Sun wieder in den Spiegelschrank im Bad gelegt“, „gehst Du vor oder nach dem Abendessen noch duschen?“ oder „die Klimaanlage läuft nochmal für eine Stunde, es ist so warm hier drin…“ fanden in der Vergangenheit schlicht so nicht statt …

Wagt man sich doch auf einen Campingplatz – und das haben wir auch versucht, um uns ein paar Tage faul ausbreiten zu können und Strand wie Restaurant gleich vor der eigenen Türe zu haben – ist auch dort alles anders. Auf dem Campingplatz anzukommen und in Schrittgeschwindigkeit mit satt blubberndem Motor langsam an großen und kleinen, aber immer weißen Wohnmobilen vorbei zu seinem Platz zu rollen, während hinter einem langsam die Blätter von den zu niedrigen Bäumen zu Boden rieseln und die Reifenspuren gefühlt erst nach dem nächsten Starkregen wieder verschwinden, fühlt sich ungefähr so an, als würde man als Elefant im Zoo gleich neben den Flamingos neu einziehen. Die Blicke der anderen Camper begleiten einen ebenso irritiert wie ungläubig – aber; kommt man ins Gespräch, sind die Rückmeldungen immer positiv, und mehr als einmal haben wir gehört, ein solches Fahrzeug sei immer schon auch der eigene Traum gewesen.

Und überhaupt, der Auftritt …

Dass man mit seinem Fahrzeug immer und überall auffällt, wird einem beispielhaft bewusst, wenn sich plötzlich acht Ragazzi aus drei Generationen samt Espressi und Bistrostühlen am Straßenrand zu einem umdrehen, sobald man vorbeifährt. Oder wenn der Fünfjährige am Ärmel seines Vaters zerrt und auf Mzungu zeigt wie auf den T-Rex im Vergnügungspark – nur mit dem Unterschied, dass der Vater auch nicht so recht erklären hat, was er hier vor sich hat. Oder wenn die junge Dame auf der Sandpiste zurück vom Strand hektisch die Warnblinkanlage einschaltet und ihr Heil beinahe in der nächsten Hecke sucht, nachdem sie uns plötzlich hinter der nächsten Kurve erblickt. Und auf dem Parkplatz am Strand angekommen fährt niemand, wirklich niemand schneller als im Schritttempo vorbei, jeder schaut herüber und von Mzungu werden gefühlt mehr Fotos gemacht als vom Aperol Spritz im Sonnenuntergang. Aus dem LKW herauszuschauen und dieses Schauspiel zu beobachten, ist mindestens so unterhaltsam wie umgekehrt.

Aber auch hier; trotz des extrovertierten Auftritts und den Einschränkungen für andere, mit denen unsere Anwesenheit mitunter verbunden war, sind uns ausnahmslos positive Rückmeldungen begegnet. Mehrfach am Tag haben wir einen Daumen nach oben gezeigt bekommen, der LKW wurde fotografiert, wahlweise mit oder ohne begeisterten italienischen Papa, und von zustimmendem Schulterklopfen ließen sich die Bewunderer wohl nur durch Corona abhalten. Es scheint, als würde das Fahrzeug – zumindest bei reisebegeisterten Zeitgenossen – oft den gleichen Nerv treffen wie bei uns.

Das Fahren

Fährt man durch die Ortschaften Sardiniens, fühlt man sich nicht nur ob der maroden Bausubstanz in die achtziger Jahre zurück versetzt. Auch der einheimische Fuhrpark scheint aus dieser Zeit zu stammen und ist meist nicht nur alt und ungepflegt, sondern vor allem eins – kompakt. Wenn die meisten Fahrzeuge im Ort originale Fiat Panda 4x4s sind, die sich mit Mzungu über ihre Jugendsünden unterhalten könnten, und wenn selbst der Ortsvorsteher mit seinem Dacia Duster nicht nur das größte, sondern auch das teuerste Auto im Ort fährt, dann fühlt man sich mit einem 3,7m hohen und 7,3m langen Wohnmobil doch relativ schnell deplatziert und fragt sich, welchem Irrsinn man hier eigentlich erlegen ist.

Wie zu erwarten, blieben uns auch die Erfahrungen nicht erspart, vor denen uns in Deutschland schon graute. Es galt, auf einer einspurigen Straße 500m zurück zu setzen, weil es am Ende doch kein Durchkommen gab – und das zwischen reichlich Fußgängern und anderen Fahrzeugen. Wir sind in Schrittgeschwindigkeit durch Büsche gefahren, die zugleich rechts, links und oben am Fahrzeug vorbeikratzten, weil der Weg nun mal im Sommer zugewachsen war. Wir haben auf einem Platz von nicht mal 8x10m gewendet – der obendrein abschüssig war und am einen Ende nach einem schmalen Geländer in einen senkrechten Abhang überging.

Und selbst die eigentliche Fahrtstrecke hatte es in sich; mitunter sind die Straßen so schmal, dass gleichzeitig der Randstreifen und die Mittellinie unter dem Auto verschwinden, während man damit beschäftigt ist, dem Gegenverkehr, Leitplanken und in die Fahrbahn ragenden Felsen auszuweichen. Über zwei, drei Stunden hinweg auf kurvigen Bergstraßen zu fahren, ist enorm anstrengend und wird es wohl immer bleiben. Keine dieser Erfahrungen hatten wir uns gewünscht – aber sie gehören zu einer solchen Tour und zu einem solchen Fahrzeug wohl nun einmal dazu.

Aber auch alles das hat funktioniert – mit erhöhtem Puls, aber ohne Schäden und ohne Verluste. Nicht ein einziges Mal wurden wir angehupt, immer hatten alle Wartenden mehr Geduld und mehr Ruhe als wir selbst, und letzten Endes war keine der Situationen ein wirkliches Problem.

Und Mzungu?

Unser Mzungu gab sich von unserer Hysterie über die erste gemeinsame Tour weitgehend unbeeindruckt. Weder 36 Grad Außentemperatur, noch Steigungen oder Geländepassagen brachten ihn aus der Ruhe. Es war immer der richtige Gang zur Hand, keine Kehre war zu eng; der Verbrauch war altersgemäß und die Leistung mehr als ausreichend. Mzungu war sich weder zu schade, in einer langgezogenen Steigung mit 83 km/h einen Wohnwagen hinter einem überforderten Fiat Multipla zu überholen, noch mit uns in aller Ruhe mit 3 km/h eine steinige Bergpiste hinaufzuklettern. Eine Gelassenheit, die man wohl nur mitbringt, wenn man selbst schon so viel Reiseerfahrung hat und viel herumgekommen ist.

Fahrzeug und Kabine harmonierten dabei sehr gut; die Gewichtsverteilung ist ausgeglichen, die Kabine ist relativ leicht, schaukelt sich im Gelände dank Federlagerung nicht auf und schiebt bergab nicht nach. Die Federung arbeitet vorn sehr aktiv, aber nicht zu weich; hinten ist die Abstimmung so souverän, dass man Gräben und Schrägen im Fahrerhaus kaum bemerkt. Das ganze Fahrzeug ist dabei sehr kurz und fährt sich auch so, der Wendekreis ist extrem gering und gerade die unteren Gänge sind so fein abgestuft, dass im Gelände die Grenzen weit gesteckt sind – so viel hat die erste Testfahrt schon gezeigt…

Was er nicht mag? Der Rückwärtsgang lässt sich mitunter nur nach gutem Zureden einlegen, und man sollte Mzungu daher immer mit ein paar Zentimetern Platz zum Rangieren nach vorn abstellen. Spurrillen und Senken läuft er etwas zu unreflektiert hinterher, und Fahren in zu niedriger Drehzahl quittiert er mit Leistungsverweigerung und einer schwarzen Wolke unverbrannten Kraftstoffs. Aber wer sich bewusst für eine langjährige Beziehung mit einem solch eigenen Charakter entscheidet, der darf sich auch nicht wundern, wenn dieser ein paar Eigenheiten mitbringt.

Und überhaupt; wir haben uns oft dabei ertappt, auf der Suche nach blinkenden Warnlampen sorgenvoll auf seine Anzeigen zu blicken, nur um festzustellen, dass alle Zeiger in der Mitte der Skalen sind und keine der Lampe blinkt. Gleichsam so, als ob er sagen wollte, „bei mir ist alles im grünen Bereich, ich mache hier nur meinen Job …“. Möge uns diese entspannte Beziehung lange erhalten bleiben.

Das Fazit

Ja, und wie war es denn nun? Was würden wir anders machen, welche Fehler haben wir bei Planung und Realisierung gemacht? Und wie reist es sich im LKW? Soweit wir das heute sagen können: Alles hätte nicht besser laufen können, und wir würden alles wieder genauso entscheiden. Natürlich gibt es eine Aufgabenliste von kleinen Änderungen und Verbesserungen, aber es ist nichts Grundsätzliches dabei.

Eine reine Entspannung war dieser Urlaub zwar nicht. Zu neu war das Fahrzeug, zu vielseitig und mitunter auch zu anstrengend die Erlebnisse und zu aufreibend die Situationen, die zu bewältigen waren. Gerade am Anfang der Tour haben wir teils mehrmals täglich unsere Komfortzone verlassen müssen und uns in Situationen befunden, die wir uns vorher lieber nicht vorgestellt hätten. Wir sind in dieser Zeit aber mit dem Fahrzeug zusammen gewachsen, haben uns besser kennen gelernt und auch ein Gefühl für die eigenen und für die gemeinsamen Grenzen entwickelt.

Zudem – und das wiegt schwerer: es gab diese Momente, in denen die Straße endlos hätte weitergehen können, wo Zeit keine Rolle mehr spielte und alles in perfekter Balance schien. Und für diese Momente wurde aus dem Urlaub eine Reise; aus den Erlebnissen wurden Erfahrungen; und aus der Erholung wurde Entspannung.

Und – alles zusammen wurde zur Verheißung, künftig noch viel längere und erlebnisreichere Fahrten mit Mzungu unternehmen zu dürfen als diesen ohnehin schon wunderbaren, ersten Urlaub.

Eine Zusammenfassung der Reise gibt es natürlich wieder als Video auf YouTube.