Lohnt sich das denn?

Schon zu unserem Defender bekamen wir immer wieder eine Frage gestellt. Sich einen geländegängigen Camper aufzubauen und den auch noch zum Reiseziel zu verschiffen – lohnt sich das denn?

Die rein betriebswirtschaftliche Antwort lautet ohne zu zögern NEIN. Dazu sei eine kleine Rechnung angestellt; das durchschnittliche, in Deutschland verkaufte Wohnmobil kostet derzeit ca. 70.000 EUR. Ein solches Fahrzeug bspw. in der Zwischensaison für eine Woche zu mieten, kostet gut 800 EUR. Bei beispielsweise drei Wochen Reisedauer entstehen also Kosten von rund 2500 EUR. Das bedeutet – ein typisches Kauf-Wohnmobil kann man ebenso gut 28 Jahre lang jedes Jahr 3 Wochen mieten, anstatt es einmal zu kaufen. Dabei sind Steuer und Versicherung nicht mal betrachtet, ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Mietmobil immer ein oder höchstens zwei Jahre alt ist. Ein Kauf „rechnet“ sich also nur bei sehr viel mehr Reisezeit im Jahr – oder wenn man die Anschaffung nicht aus finanziellen Gründen tätigt, sondern andere Motive hat; Freiheitsdrang, Fernweh, Selbstverwirklichung oder den Besitz eines solchen Fahrzeugs an sich. Vielleicht ist es auch nur ein lange gehegter, persönlicher Traum, der – in Form von Gummi, Stahl und GFK – die Chance hat, vor den eigenen Augen Wirklichkeit zu werden. Ach so, für die Rechnung oben hatte ich ein Wohnmobil zugrunde gelegt. Ein Expeditionstruck ist sehr viel teurer. Insofern rechnet der sich auch sehr viel weniger. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet …

… und rein emotional? Auf unserer Reise durch den Oman zum Jahreswechsel 2018/19 hatten wir Gelegenheit darüber nachzudenken, darüber in einem späteren Blog aber mehr.

Silvester 2018 / 2019

Zum Jahreswechsel sind wir in der Nähe von Salalah in einer Lodge abgestiegen: mal wieder richtig duschen, Eindrücke verarbeiten, von der täglichen Weiterreise pausieren und an Silvester die Muße haben zu reflektieren über das vergangene und das bevorstehende Jahr.

Gegen 23 gehen wir zur Silvesterparty an den Strand. Es gibt ein großes Lagerfeuer, Livemusik von einer arabischen Band, die Männer tanzen (traditionell tanzen die Frauen diese Tänze nicht, sondern nur die Männer) und immer wieder unterstützt einer (oder eine) der arabischen Gäste die Band mit Gesang. Wir sitzen auf Teppichen auf dem Boden, trinken unglaublich süßen Tee, essen Datteln und rauchen Shisha-Pfeife mit Minzgeschmack.

Kurz vor Mitternacht holen die Einheimischen alle Gäste zum Tanzen ans Lagerfeuer. Alle bilden einen großen Kreis und tanzen rund ums Feuer. Der Song ist zu Ende, es ist 0:01 und jemand ruft „Happy New Year“.

Wir schauen uns etwas verdattert an – ach so, ja, dann „Happy New Year“ – und sind wieder um eine Erfahrung reicher.

Entlang der Ostküste von Sur nach Salalah

Auf der Fahrt entlang der Ostküste kommen wir zunächst in Ras Al-Jinz vorbei. Der Parkplatz im Naturreservat für Meeresschildkröten ist für eine Übernachtung wenig gastlich, das Besucherzentrum ist eher lieblos und der einstündige geführte nächtliche Strandspaziergang, auf dem man mit Glück eines der bis zu 140 kg schweren Tiere bei der Eiablage beobachten kann, soll für zwei Personen knapp 40 EUR kosten. Wir fühlen uns wenig willkommen und campen weiter südlich bei ein paar Fischerbooten, um außerhalb des Naturschutzgebietes selbst unser Glück bei der Suche nach einer Meeresschildkröte zu versuchen. Und tatsächlich robbt sich in der Dunkelheit der Nacht eine Schildkröte an Land. Sie streckt uns ihren Kopf neugierig entgegen, ist aber von uns weniger beeindruckt als wir von ihr, und beschließt, zurück ins Meer zu schwimmen – und wir gehen ins Bett, um die Tiere nicht weiter zu stören.

Der Ort Al Khaluf wird in einem Artikel der Zeitschrift “Allradler” und in unserem Reiseführer beschrieben als ein Ort, an dem sehr alte, rostige Toyotas Fischerboote an Land ziehen. Das klingt nach vielversprechender Fischerdorf-Romantik. Der Strand ist jedoch mindestens einen Kilometer lang und eine riesige stinkende Müllhalde, auf der allerlei verrottendes Zeugs rumsteht: Toyotas, Fischerboote, Kühl-LKWs, Hütten und vieles mehr. Mit Romantik hat das alles wenig zu tun, sodass wir zügig weiterfahren.

Wir kommen nach Duqm. Der Ort soll einmal das touristische und kommerzielle Zentrum der Ostküste werden. Dazu wurden bereits sicher mehr als fünfzig Quadratkilometer Land eingeebnet und zig tausend Kubikmeter Erde bewegt. Mehrspurige Straßen durchqueren völlig leere Flächen mit Namen für zukünftige Stadtviertel, Ausfahrten aus einem Duzend Kreiseln gehen ins Nichts, Tankstellen stehen mitten im Niemandsland und warten auf ihre Eröffnung und den ersten Kunden. Es gibt einen internationalen Flughafen und ein Hafengelände, weitere Gebäude befinden sich gerade im Bau. Wir verbringen eine ruhige Nacht am kilometerlangen weißen Sandstand, der einmal Teil des Touristen-Viertels werden soll. Und zum Sonnenaufgang vom Bett aus der Blick über’s Meer? Unbezahlbar.

Wir fahren weiter Richtung Süden durch eine unwirtliche, kahle Wüstenlandschaft. Hier und da stehen plötzlich 10, 20 oder 40 identische Häuser, die von einer Mauer umgeben in Reihen stehen und in ihrer Mitte eine Moschee haben. Wir fragen uns, was die Menschen in diese Einöde zieht. Immer wieder gibt es Stichstraßen zum Meer, von denen wir einige hineinfahren: Wer bei der „3 Palms Lagoon“ drei Palmen erwartet, hat weit gefehlt, denn entlang dem Wasser stehen dutzende Palmen; In der „Pink Lagoon“ gibt es mehrere pinkfarbene Tümpel, die ihre Färbung einer Algenart verdanken. Die Strände sind oft kilometerlang. Flamingos stehen im Wasser, man kann am Strand entlang fahren, Picknicken oder gleich über Nacht bleiben.

 

Von Sharbathat nach Manji fahren wir über eine Piste zwischen Meer und Klippen entlang. Links von uns taucht in der Ferne ein Schiffswrack auf. Da wollen wir hin. Also Luft ablassen beim Defender, Untersetzung rein und ab durch den Dünenkamm auf den Strand. Vor lauter Begeisterung vergessen wir, die Sperren einzulegen und die Fenster zu schließen. Wir graben uns bis zur Radnabe ein und sauen den Defender mit Sand ein – von innen. Neuer Versuch; diesmal mit Sperren, mehr Schwung, mehr Drehmoment und geschlossenen Fenstern. Kurze Zeit später steht der Defender neben dem gestrandeten Fischkutter aus Somalia am Strand und liefert das Postkartenfoto für Abenteuerreisende par excellence. Na, geht doch. Während unserer Fotosession kommt ein Fischerboot an und die Fischer wollen uns einen ganzen, bestimmt 3kg schweren Fisch aus ihrem frischen Fang schenken. Wir müssen leider ablehnen, weil wir keine Ahnung haben, wie wir das Tier auf einem Campingkocher sinnvoll zubereiten sollen. Die Fischer sind schnell verschwunden Richtung Stadt und wir sind wieder alleine in der omanischen Idylle.

Weiter Richtung Süden wandelt sich die Landschaft; die schroffen Felsen der Dhofar Bergkette rücken immer näher. Die in den Fels gesprengte Straße ist ganz neu und hält traumhafte Ausblicke in die Canyonlandschaft bereit. In die Berge hinein ziehen sich immer wieder Wadis und geben den Blick auf atemberaubende Schluchten frei. So gibt es zum Beispiel am Ende des weiten Wadi Shuwaymiyah einen kleinen Wasserfall mit einem wunderschönen Naturpool, den man bereits nach einem kurzen Stück Piste erreicht. Oder man fährt zum Wadi Suneik, das ganzjährig Wasser führt. Wir entscheiden uns, in letzterem die Nacht zu verbringen.

Am nächsten Tag zieht es uns wieder weg vom Asphalt und wir fahren ab Sadah über eine phantastische Offroadpiste durch die Berge, entlang von Wadis, durch das spärlich fließende Wasser der Bäche und immer wieder hinab zum Meer bzw. zu Lagunen, in denen Flamingos und ein halbes Dutzend anderer Vogelarten im Wasser stehen. Vom letzten Monsun ist die Landschaft grün und fruchtbar. Bis hierher können wir schon sagen, dass die einsamen Pisten im Oman ein Traum für Offroad-Freunde sind.